Die belgische Monarchie und ihre Machtpolitik
( C.Paul Bosmans)


1831-1865 Leopold-I
Der belgische Verfassungsgeber entschloss sich 1830 für eine konstitutionelle Monarchie als Staatsform.
Das Erbkönigtum ist der Verfassung untergeordnet. Dieses war für einen König der wie Leopold I in dem Ancien Régime aufgewachsen war, überhaupt nicht selbstverständlich. Er und seine Nachfolger waren bestrebt, sich die belgische Politik gefügig zu machen.
In den Anfangsjahren der belgischen Unabhängigkeit wurde dies von den Bürgern und Politikern dankend angenommen, da sie selbst keine oder sehr wenig politische Erfahrung hatten.

Langsam änderte sich die Lage, als die politischen Parteien sich formierten und das bürgerlich-liberale Belgien mehr und mehr die demokratischen Spielregeln annahm.

Die Entwicklung der Macht und des Einflusses des belgischen Königs hinsichtlich Inlands-, Auslands-, Verteidigungs-, Sozial-, und Wirtschaftspolitik, sowie seine Einstellung gegenüber den Problemen und Fragen der beiden Sprachgemeinschaften sind die Themen dieses Vortrages.

Die belgische Revolution von 1830 muß man in dem damaligen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Rahmen sehen.
Wilhelm I, König der Niederlande, hatte sich die Industrialisierung des Landes vorgenommen und dies war in vollem Gange. Der größte Teil der Bevölkerung arbeitete noch in der Landwirtschaft oder in kleinen, aber arbeitsintensiven Betrieben. Sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf politischem Niveau hatten der Adel und die gehobene Gesellschaft die Macht.

Die Revolution war in erster Linie die Folge des wachsenden Widerstandes der Mittelklasse; d.h. Lehrer, Journalisten, reiche Handwerker und auch einige wenige Beamte. Die Bevölkerungsgruppe forderte politische Mitbestimmung.
Sie wurden von den Landeigentümern, dem Klerus und den Arbeitern unterstützt, weil auch diese Klassen mit der Politik Wilhelm I aus verschiedenen Gründen nicht einverstanden waren.

Nach dem Aufstand vom September 1930 wurde ein Parlament gewählt, der nationale Kongress. Dieser Kongress zählte zweihundert Mitglieder und setzte sich aus einer Mehrheit konservativen Katholischen, vor allem Großgrundbesitzern und Rechtsanwälte, sowie einer Minderheit liberaler Mittelständler zusammen. Das Grundgesetz, das ausgearbeitet wurde, war ein Kompromiss, der beide Gruppen zufrieden stellen sollte.

Die damaligen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Preußen. Russland und Österreich waren mit der belgischen Revolution und dem Auseinanderfallen des Vereinigten Königreichs der Niederlände nicht glücklich. Um einen neuen europäischen Krieg aber zu verhindern, erkannten die Großmächte die belgische Unabhängigkeit an und übernahmen gleichzeitig de Bürge für Belgiens Neutralität und Unantastbarkeit.

Um die Großmächte nicht vor den Kopf zu stoßen, lehnte der Nationale Kongress eine republikanische Staatsform ab und entschied sich für eine konstitutionelle Monarchie. Der König entnahm der Grundverfassung seine Macht und unterlag der ministeriellen Verantwortung. Das heißt, daß die Minister für das königliche Handeln verantwortlich sind und dafür im Parlament zur Verantwortung gezogen werden können. Mit diesen Maßnahmen wollte der Kongress die Macht des Fürsten einschränken. Gleichzeitig festigte der Kongress die Grundlagen für einen liberalen Staat. Der Grundgesetzgeber erkannte die Freiheit der Person an, sowie auch die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Schulfreiheit, die Sprachenfreiheit, die Vereinigungsfreiheit und die Pressefreiheit. So bekam Belgien ein für seine Zeit wahrhaft liberales Grundgesetz, möglicherweise das liberalste Grundgesetz Westeuropas.

Der Nationalkongress ging auf der Suche nach einem König und entschloss sich letztendlich für den 40-jährigen Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha. Leopold war einerseits bekannt als ein konservativer Mensch, anderseits als eine Persönlichkeit mit großem Interesse für die Industrie und ihre Entwicklung.
Weder die Industrie noch die hohe Finanz brauchten sich Sorgen zu machen, daß Leopold ihre Entwicklung, ihren Ausbau und Erweiterung hintertreiben würde.

So würde Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha Gründer der belgischen Dynastie.
Er und seine Erbfolger führen den Titel „König der Belgier“ und nicht, wie oft angenommen „König von Belgien“.

Besonders zwei Themen haben die belgischen Fürsten ihr Interesse gewidmet: Auslands- und Verteidigungspolitik. Die Coburger betrachteten diese beiden Verantwortungen als ihr persönliches Ressort und gerieten häufig mit den zuständigen Ministern in Konflikt.

Beide Arbeitsgebiete sind sicherlich in Kriegszeiten eng miteinander verflochten. Aber auch zu Friedenszeiten sind häufige und gute Kontakte mit dem Ausland von großer Bedeutung. Deswegen werden die beiden Themen hier auch zusammen angesprochen. Außerdem hat die Auslands- und Verteidigungspolitik das Image der belgischen Könige sehr geprägt: Dem einen haben sie Erfolg und Ruhm gebracht, bei dem anderen haben sie sich fast fatal ausgewirkt. Vor allem der Verteidigungspolitik hat den Monarchen viel Kummer und Sorgen bereitet. Letztendlich haben sowohl die Verteidigungs- als auch die Auslandspolitik die Inlandspolitik oft beeinflußt, ja sogar bestimmt. Von 1831 bis 1940 haben die belgischen Könige eine entscheidende und bestimmende Rolle in der Verteidigungs- und Auslandspolitik gespielt. Der Grundstein für dieses königliche Privileg ist von Leopold I gelegt worden. Als unverfälschter Monarch des Ancien Régimes rechnete er beide Aufgaben zu seinem obersten und unantastbaren Prärogativ. Er führte persönlich seine Armee, bestimmte die Verteidigungspolitik und war der erste Diplomat des Königreiches; von Seiten des Ministers duldete er keine Initiative. Die im Grundgesetz festgelegte ministerielle Verantwortung störte ihn keineswegs. Er betrachtete Belgien als sein persönliches Eigentum und verteidigte es sowohl mit den Waffen als auch mit friedlicher Diplomatie.
Dadurch war Leopold I eher König von Belgien als König der Belgier. Die politischen Verantwortlichen akzeptierten diese königliche Auffassung, sie freuten sich sogar über den Beitrag des Königs. Einerseits verfügte Leopold I über ausreichende Erfahrungen um seine Soldaten persönlich in den Kampf gegen die Besitzansprüche des holländischen Königs Wilhelm zu führen und das junge Königreich zu verteidigen, anderseits war Leopold durch den Ehebund sowohl mit dem britischen als auch mit dem französischen Königshaus liiert. Dies war eine ausgezeichnete Ausgangsposition um eine Gleichgewichtspolitik zwischen die beiden Großmächte zu führen und gleichzeitig die Existenzberechtigung Belgiens international sicherzustellen.

1865-1909 Leopold-II
Leopold II setze die Politik seines Vaters fort, er war jedoch in einer schwächeren Lage und konnte auf die internationale Bühne seine Politik nicht durchsetzen. Weil er sich den sehr weiträumigen Kongo als persönliche Kolonie aneignete, erregte er sogar Ärger, Unmut, Eifersucht und Neid bei Großbritannien und den anderen Großmächten. In Sachen Verteidigungspolitik vermittelte Leopold II den Eindruck, die Militärangelegenheiten nur zu überwachen, de facto aber war er der Motor und die treibende Kraft zahlreicher Reformen und struktureller Erneuerungen. Es gelang ihm sogar noch auf seinem Sterbebett, die persönliche Wehrpflicht durchzusetzen.

1909-1934 Albert-I
Die internationalen Spannungen um und während des ersten Weltkrieges gaben Albert, Nachfolger von Leopold II, die Gelegenheit die königlichen Traditionen wieder aufzugreifen und die Auslands- und Verteidigungspolitik wieder fest in die Hand zu nehmen. Er fällte persönlich alle Entscheidungen in diesen Bereichen, und Informierte erst hinterher die Regierung oder den zuständigen Minister. Dieses Verhalten führte zu Kollisionen zwischen der Politik des Königs und der der Regierung. König Albert fühlte sich berufen die Grenzen des belgischen Territoriums zu verteidigen und sah Frankreich und Großbritannien als Bürge der belgischen Unabhängigkeit. Die Regierung dagegen war der Meinung, daß beide auf Grund des Krieges Verbündete geworden waren und das diese für Belgien weitgehenden Verpflichtungen beinhaltete. Albert setzte seine Politik durch und nach 2 Kriegsjahren schloß sich die Regierung, enttäuscht über das Verhalten der Verbündeten Belgien gegenüber, der königliche Auffassung zögernd an.

1934-1951 Leopold-III
Dies war während des zweiten Weltkriegs nicht der Fall. Die Konfrontation der Politik Leopolds III und der Regierung führte zu einem offenen Bruch zwischen dem Fürst und seinen Ministern. Die Regierung hatte sich Ende März 1940 entschlossen, den Kampf zusammen mit den Verbündeten fortzusetzen. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte lehnte Leopold III dieses ab. Als er einsah, daß die militärische Lage für Belgien aussichtslos geworden war, entschloß er sich zu kapitulieren um damit weiteres sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Die Regierung schloß sich diesem Standpunkt nicht an, somit war der König nicht mehr von der ministeriellen Verantwortung gedeckt.

Nach Auffassung der Regierung Pierlot war Leopold III nun ein Kriegsgefangener und dadurch nicht in der Lage zu regieren. Der Ministerrat übernahm die Königliche Prärogative. Diese konstitutionelle Krise hinderte Leopold III aber keineswegs daran, aus seiner prekären Position heraus eine Politik zu führen, die darauf gerichtet war, das Land instand zu halten. Auch seine Kontakte zu Hitler sollten in diesem Licht gesehen werden. Es war Hitler der den belgischen König keine politische Rolle spielen lassen wollte und der die total niedergeschmetterte Regierung im Sommer 1940 die Genehmigung verweigerte, nach Belgien zurückzukehren. So beschützte Hitler sowohl König als auch Regierung vor Entscheidungen, die später sehr schwere Folgen hätten haben können. Der Kern der Regierung setzte letztendlich den Kampf an der Seite der Alliierten von London aus fort. Nach Kriegsende dauerte der Konflikt zwischen Monarch und Regierung weiter an und endete letztendlich in der Königskrise. Diese Krise hatte sicherlich auch personelle Unvereinbarkeiten als Grund. Die Grundursache dieser Krise lag jedoch in der Anwendung eines Prinzips, das seit 1831 nicht mehr als ein toter Paragraph im Grundgesetz war, nämlich daß der König sich nur in Absprache und mit Genehmigung der Regierung an der Auslands- und Verteidigungspolitik beteiligen konnte.

1945-1951 Prinz Karl
Die heftige Erregung und die Aufruhr um die Königskrise brachten den Prinzregenten Karl, Leopolds Bruder, dazu, einen strikten und vorsichtigen Kurs zu fahren. Um den Fortbestand der Monarchie nicht zu gefährden ließ er die Minister die Politik bestimmen und übernahm keinerlei politische Verantwortung.

König Boudewijn hat immer noch erheblichen Einfluß auf die Verteidigungs- und Auslandspolitik der Regierung, Entscheidungen muß er aber seinen Minister überlassen.
Soweit dieses Kapitel über Verteidigungs- und Auslandspolitik.

Wir kommen jetzt zu einem weitern Aspekt, der Inlandspolitik, oder anders gesagt, der König herrscht aber regiert nicht.
Von Anfang an, sogar vor seiner Thronbesteigung, hatte Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha klar zu verstehen gegeben daß, seiner Meinung nach, die königliche Macht vom Grundgesetz zu sehr eingeschränkt würde. Während seiner ganzen Regentschaft hat er versucht, die königliche Macht zu verstärken. Dabei stieß er jedoch regelmäßig auf Wiederstand der Regierung und politischen. Auch seine Nachfolger führten die gleiche Politik und bekamen die gleichen Probleme. Der Machtkampf zwischen Monarch einerseits und der Regierung und den politischen Parteien anderseits laufen wie ein roter Faden durch die belgische Geschichte.
Von Anfang an versuchte Leopold I also das politische Leben in seinem Königreich zu bestimmen. Als Fürst des Ancien Régiems sah er seine Minister als Diener, die seine Politik durch zu führen hatten. Er störte sich nicht oder kaum an der ministeriellen Verantwortung, die dennoch Eckstein der konstitutionellen Monarchie war. Aber Leopold hatte sich ein starkes Renommee aufgebaut und spielte dieses gegenüber den Politikern, die zuerst noch als Individuum auftraten, sehr geschickt aus. Politische Parteien gab es noch nicht.
Der erste richtige Parteikampf entbrannte unter der Herrschaft Leopold II. Er stellte sich auf als der große Versöhner. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte es Leopold II mit starken politischen Persönlichkeiten zu tun, Persönlichkeiten, die ihren Stempel auf die belgische Politik drückten. Leopold beeinflusste über seine Vertrauensmänner aber auch die nationale Politik, er blieb jedoch viel diskreter als sein Vater. Als Konservativer leistete er vergeblich massiven Wiederstand gegen die Erweiterung des Wahlrechtes und konnte zu seinem Ärger das königliche Referendum nicht einführen.

König Albert war ein Pragmatikus. Er sah ein, daß ein Wiederstand gegen das allgemeine und einfache Wahlrecht nutz- und zwecklos war und akzeptierte die Eingliederung der Sozialisten in den politischen Entscheidungsprozeß. Während seine Herrschaft waren Koalitionsregierungen die Regel und bei den Koalitions-verhandlungen nahm der König eine Schlüsselposition ein. Sein Einfluss war sehr groß aber nicht unbeschränkt.
Später stellte er sich mehr und mehr über die Parteien und spielte sie sehr geschickt gegeneinander aus. In den letzten Jahre seiner Herrschaft, die zusammen vielen mit der Krise der dreißiger Jahre, übte er sehr scharfe Kritik an den Parteien und warf den Politikern vor Parteifunktionäre zu sein und nicht mehr der ganzen Nation zu dienen.

Sein Thronfolger, Leopold III, übernimmt die Kritik seines Vaters, aber in schärferer Form. Das Verhältnis zwischen dem König und den Parteien wird immer gespannter. Der Rückfall der traditionellen Parteien 1936 war für den König die Gelegenheit die Kräfte zu bündeln und für eine starke Exekutive zu plädieren. Leopold III ging in seinem Bestreben so weit, daß er letztendlich in Mai 1940 die Gewalt der Regierung nicht mehr anerkannte, sondern seinen eigenen Weg ging.
Diese Elemente waren dann auch der Kern der Königskrise. Als der König nach der Befreiung Belgiens hartnäckig behauptete, das Recht auf seiner Seite zu haben und sich weigerte Fehler einzusehen, würde seine Position unhaltbar. Umsomehr, weil im Grunde genommen nur die Christdemokraten bereit waren ihn zu verteidigen. Von diesem Punkt an konnte die Monarchie nicht mehr als Symbol der nationalen Einheit dargestellt werden. In einem Referendum 1950 sprach die Mehrheit der Bevölkerung sich für die Rückkehr von Leopold aus; dieses Referendum zeigt gleichzeitig die Zerrissenheit der Bevölkerung (Flandern 72%, Wallonien 42%, Brüssel 48%, insgesamt 57% Ja-Stimmen). Nur noch einige Ultra innerhalb der Christdemokraten waren bereit, gegen Links auf Kollisionskurs zu gehen. Die Parteiführung und mit ihr eine breite Mehrheit sah ein, daß der einzige Weg einen Bürgerkrieg zu vermeiden und die Nation wieder zusammen zu bringen, ein Thronverzicht Leopolds war.

1951-1993 Boudewijn
Unter politisch sehr chaotischen Umständen trat der junge Boudewijn die Thronfolge an. Er misstraute den Politiker sehr und hielt sich soviel wie möglich im Hintergrund. Je nachdem wie sein Regnum voran geht, bleibt auf den ersten Blick nichts mehr von der königliche Macht und dem Einfluß übrig. Die Parteien machen unter sich aus wie die Regierungen auszusehen haben und wer in das Ministeramt aufsteigt. Der Premierminister entscheidet über Rücktritt und Neuwahlen. Die Staatsreform nimmt die nationalen Regierung und damit auch dem König große Teile der Verwaltungs- und Regierungsverantwortung ab. Die Mini-Königskrise von 1990, wo seine Majestät sich weigerte, die neu verabschiedeten Abtreibungsgesetze zu unterschreiben, könnte langfristig sogar Ursache werden für die Aufhebung des Rechts des Königs, die Gesetzte zu unterschreiben.
Bei immer mühsameren Regierungsverhandlungen steht Boudewijn, sowie auch Albert II, über den Parteien, Gemeinschaften und Regionen und versucht, das labile Gleichgewicht des teils föderalisierten Belgiens in Stand zu halten. Dabei weiß Boudewijn sich von einer immer ansteigenden Beliebtheit und Popularität unterstützt, und dies zu einer Zeit, wo den Politiker immer weniger Vertrauen und Kompetenz zugemutet wird.
Auch wenn die königliche Zuständigkeit heute ausgehöhlt ist steht der Monarch noch sehr stark.

Als nächstes Kapitel möchte ich die soziale und wirtschaftliche Politik der belgischen Monarchen kurz erläutern.
Die ersten beiden belgischen Könige sind konservative Liberale. Sie gehen davon aus, daß die sozialen Probleme der Bevölkerung ihre Lösung finden in der Anregung und Stimulierung der Wirtschaft. Beide sind dann auch der Meinung, daß der Staat sich so wenig wie möglich in das sozial-wirtschaftliche Leben einzumischen hat. Sie fördern die Produktion und den Export. Leopold I sieht den Erwerb einer Kolonie als die beste Möglichkeit, auf billige Art, preisgünstige Rohstoffe zu bekommen und neue Absatzgebiete zu erschließen.
Leopold II verwirklicht den Traum seines Vaters mit der Eroberung und Gründung des Freistaates Kongo. Ein Teil der Kolonialgewinne benützt er zur Urbanisierung der Hauptstadt. Damit entpuppt er sich als der oberste Bauherr des Königreiches und lässt gewaltige Baupläne entwickeln und durchführe.
Leopold I und sein Sohn verhalten sich sehr paternalistisch. Sie wollen die etablierte Geschäftsordnung und das Establishment nicht verändern.
Wohltätigkeit soll die übelsten Missstände beseitigen. Die erste soziale Gesetzgebung ist sicherlich nicht unter dem Impuls von Leopüold II zustande gekommen.
König Albert I kann zu den progressiven Liberalen gerechnet werden. Er ist ein Befürworter der sozialen Gerechtigkeit und der Gesellschaftlichen Entwicklung der Arbeiter. In diesem Sinne ist er ein Verfechter der allgemeinen Schulpflicht.
Die finanziellen Sorgen des Königreiches überschatten aber sein soziales Engagement. Die Mehrheit seiner Premierminister waren dann auch prominente Finanzleute. Leopold III setzte in die zweite Hälfte der dreißiger Jahre die sozialwirtschaftliche Politik seines Vaters fort. Er war bedacht auf sozialen Frieden, zeigte Respekt für die arbeitende Klasse und unterstützte in diesem Sinne auch seine Regierung. Während der Besatzung ändert er seine Auffassung wesentlich und gründlich. Er plant eine soziale Reorganisation im korporativen Sinne. Der politische und autoritäre Korporativismus, den er sehr bewundert, ist das Gegenteil der Politik seines Vaters.
In dem Maße, wie die Jahre vorbeigehen, tritt König Boudewijn immer mehr in Erscheinung als ein sozial bewegter Mann. Er plädiert in manchen Ansprachen für eine gerechte, tolerante und multisoziale Gesellschaft. König Albert II setzt die Politik seines Bruders fort.

Die Kolonialpolitik der Belgischen Könige habe ich schon ein paar mal erwähnt. Es war Leopold II, der Belgien eine Kolonie schenkte und damit dem Traum und dem Bestreben seines Vaters konkrete Gestalt gegeben hat.
Er war König-Souverän des Freistaates Kongo.
Befreit von allen parlamentarischen und ministeriellen Kontrollen war er ein Alleinherrscher nach bester Tradition des Ancien Regimes. Das Kolonialgebiet wurde brutal ausgebeutet. Unter Druck der Großmächte vermacht er seine persönliche Kolonie dem belgischen Staat. König Albert und König Leopold III versuchen beide, das Leben der schwarzen Bevölkerung zu erleichtern und menschlicher zu gestalten. Sie fördern die Landwirtschaft und versuchen, die Wirtschaft, die bis dann fast ausschließlich auf den Bergbau gerichtet war, zu diversifizieren. Während des zweiten Weltkriegs waren die Uran Minen in Katanga von sehr großer Bedeutung. Als Kongo 1960 seine Unabhängigkeit erwarb, hatte König Boudewijn die berechtigte Hoffnung Staatsoberhaupt des Kongos bleiben zu können. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Nach der Loslösung von Belgien stürzte sich das Land in ein unbeschreibliches Chaos. Als Retter in der Not erschien dann Mobutu. Von Anfang an verteidigte er die Interessen des Westens und erhielt dann auch die entsprechende Unterstützung. Langsam aber gleitete das Mobutu-Régime in eine Diktatur voller Korruption und Misswirtschaft. Ende der 80-er Jahre kommt es zu einem offenen Bruch zwischen König Boudewijn und Mobutu.

Als letzter Punkt möchte ich die Bemühungen der Monarchen um die Einheit des Königreiches besprechen. Die Gemeinschaftsprobleme und die Entwicklung der flämischen und wallonischen Bevölkerungsgruppen spielen hier eine wesentliche Rolle.

König Leopold I wirft sich auf als der Verfechter der nationalen Einheit. Er verteidigt die Einheit gegen die Holländer aber bekämpft genau so rigoros die politischen Parteien sowie auch jede Form gemeinschaftlicher Uneinigkeit oder Zwietracht. So fanden die Flamen bei ihm kein offenes Ohr für ihre immerhin sehr moderate Forderung auf ein zweisprachiges Flandern. Die Handhabung der französischen Sprache galt für das gesamte Königreich. Obwohl Leopold I die flämische Bewegung anerkennt und sogar schätzt, sieht er sie nur als Kulturbewegung, duldet aber nicht, daß sie sich politisch engagiert.

Unter der Herrschaft von Leopold II wird die Verwaltung in Flandern verniederländischt und die niederländische Sprache neben der französische als offizielle Sprache anerkannt. Der König zeigte hierfür Verständnis und förderte wie sein Vater das flämische Kulturleben. Auch er ließ sich von der Angst führen, die flämische Bewegung konnte sich zu einer politischen Bewegung entwickeln, statt eine, wie bis dann, politisch ungefährliche kulturelle Vereinigung zu bleiben.

König Albert I ist der erste König, wir schreiben den 23.12.1909, der bei seiner Thronbesteigung seinen königlichen Eid in beiden Landessprachen leistet. Er bemüht sich die Sympathie der Flamen zu gewinnen und beide Seiten in gegen- seitiger kultureller Achtung zusammenleben zu lassen. Von strukturellen Änderungen will er nichts hören und ist sehr misstrauisch gegenüber den ersten Sprachgesetzen, die er als eine Bedrohung der nationalen Einheit ansieht.

Leopold III betrachtet sich eher als Schiedsrichter zwischen den Gemeinschaften, deren Konflikte immer häufiger schärfere Formen annehmen.
Seine Neutralitätspolitik irritiert die wallingantischen Kreise, weil deshalb der belgo-französische Militärvertrag erlischt.
Auch seine Eheschließung während der Besatzung wird ihm sehr übel genommen, weil er sich nach Auffassung der Wallinganten auf diese Weise von den kriegsgefangenen wallonischen Soldaten desolidarisiert haben sollte.
Diese Irritation ist eine der Ursachen der Königskrise.

Auch König Boudewijn bleiben diese Probleme nicht erspart. Als junger Fürst erlebt er den Schulkampf, wobei sich vor allem die katholischen Flamen gegen die von wallonischen Sozialisten ausgearbeitete Schulreform vehement wehren. Das Königreich befand sich 1958 am Rande eines Bürgerkriegs. Auch die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede werden immer größer. Er versucht, die Kluft zwischen beide Landesteilen zu überbrücken und lehnt jede tiefgreifende Staatsreform ab. Wenn diese Reformen unabwendbar werden, entscheidet er sich für eine unionistische föderative Staatsform, um das Zusammenleben der beiden Gemeinschaften innerhalb des belgischen Königreiches zu gewährleisten.

Als Beschluss und Zusammenfassung kann ich sagen, daß die konstitutionelle Monarchie eine Staatsform ist, die ein Spannungsfeld zwischen den König einerseits und der Regierung und dem Parlament anderseits darstellt. Wenn alle königlichen Anregungen oder Initiativen von der ministeriellen Verantwortung gedeckt werden, merken die Untertanen kaum etwas von königlicher Macht und Einfluss. Wenn das System gut funktioniert wird die Krone nie entblößt.
Eine solche Entblößung kann nur vorkommen wenn entweder der Monarch die ministerielle Verantwortung nicht berücksichtigt und sich selbst im Vordergrund stellt, oder wenn eine königliche Anregung durch eine Indiskretion der betroffenen Politiker an die Öffentlichkeit gerät. Auf längere Sicht ist dies auch möglich durch die Freigabe der Archive, weil diese Archive ein gutes Bild von dem hinter den Kulissen geführtem Machtkampf geben zwischen Krone und Politikern.

Leopold I ist der unangefochtene Herrscher. Seinen Politikern mangelt es an Erfahrung und Mündigkeit und sie sind nicht oder kaum organisiert. Sie vertreten nur einen kleinen Teil der Bevölkerung und überlassen dem König gerne die Führung der Auslands- und Verteidigungspolitik. Von dieser Position aus kann Leopold es sich leisten, das Grundgesetz zu missachten.
Er ist der letzte europäische König des Ancien Régimes.

Leopold II befindet sich in eine ganz andere Lage. Die Politiker haben ihren Job gelernt und er wird konfrontiert mit einer Reihe starker Persönlichkeiten, die außerdem noch von den politischen Parteien den Rücken gestärkt bekommen. Langsam muß der Monarch kürzer treten und sich an die im Grundgesetz festgelegten Grundregeln anpassen. Seine Frustration darüber wird weitgehend durch seine absolute Macht und Herrschaft über den Freistaat Kongo wieder gut gemacht, bis er unter internationalem Druck den Kongo dem belgischen Staat überlässt.

Während des ersten Weltkrieges gelingt es König Albert I der Regierung seine Politik aufzuzwingen. Sein Auftreten während des Krieges ist Grund für sein hohes Ansehen und Popularität, sodaß er seine Politik auch in der Nachkriegszeit durchsetzen kann. Das allgemeine und einfache Wahlrecht nach dem Prinzip
„Ein Mann, eine Stimme“ beendet die Periode der homogenen Ein-Partei-Regier- ungen. Bei der Zusammenstellung der darauf folgenden Koalitionsregierungen spielt Albert I eine maßgebende und wesentliche Rolle als Versöhner und Schiedsrichter.
Er bevorzugt und verteidigt die nationalen Interessen gegenüber der Parteipolitik. Immerhin kann er nicht verhindern, daß politischen Parteien eine immer größere und wichtigere Rolle spielen werden und dies zum Nachteil der eigenen Macht. Auch die politische Bewusstwerdung in Flandern erfährt König Albert I als eine Bedrohung der nationalen Einheit.

Leopold III nimmt die politischen Parteien noch mehr als sein Vater aufs Korn und bringt damit ein Teil der politischen Klasse gegen sich in Harnisch. Seine politische Alleingänge und seine Unabhängigkeit irritieren Frankophilen und Wallinganten. Leopold III wollte, wie es in den 30-er Jahren der Trend war, die Exekutivmacht und damit die eigene Macht verstärken und dies zum Nachteil des Parlaments. In Mai 1940 gelingt es dem König nicht, seine Regierung von der Richtigkeit seines Kapitulationsbeschlusses zu überzeugen.
Der Bruch zwischen beiden ist total und ab dann gehen Regierung und Monarch getrennte Wege. Aus der politischen Diskussion entwickelt sich die Königskrise und wenn Leopold nach dem Krieg stur auf seine Position bleibt und jeder Kompromiss ablehnt, kann der Monarch nicht mehr als Symbol der nationalen Einheit gelten. Diese Krise führt dazu, daß Leopold III letztendlich quasi gezwungen wird, die Krone niederzulegen und den Thron seinem Sohn Boudewijn zu überlassen.

Nach Boudewijns Thronbesteigung sind die Regierung und die politischen Parteien übermächtig. Nur zu Krisenzeiten und bei schwierigen Koalitions-verhandlungen kann Boudewijn seinen Einfluß geltend machen, um die Parteien und die politischen und gesellschaftlichen Strömungen und Tendenzen zu kanalisieren.
Der Zutritt Belgiens über nationale Bündnisse und Allianzen beschränkt die Macht der Regierung und auch des Königs. Eine eigenständige und unabhängige Verteidigungs- und Auslandspolitik ist nicht mehr möglich. Dieser Machtverzicht wird noch verstärkt durch den Verlust der ehemaligen Kolonie Kongo.
Der massive Transfer von Zuständigkeiten und Kompetenzen der nationalen Regierung an die regionalen Teilregierungen beschränkt weitgehend die Macht der Regierung und damit auch die des Königs. Trotzdem bleibt der Einfluß von König Boudewijn sehr groß. Seine langjährigen Erfahrungen, seine gesellschaftliche Verwurzelung, sein großes Ansehen in breiten Kreisen, verleihen dem König eine enorme Autorität und Beliebtheit in einer Zeit, wo das Vertrauen zu den Politikern und den Parteien immer weniger wird und sie ihre Glaubwürdigkeit einbüßen.
1993- Albert-II
________________________________________________________________ Bibliografie: Monarchie & Macht - Belgie en zijn koningen. S. Deboosere, R. Van Alboom, Prof, Dr. M. Van den Wijngaert Ausgabe: BRTN- Instructieve Omroep Brussel.